Gambrinus-Forum
Die Dortmunder Gambrinus Fellowships wurden 1993 anlässlich des 700-jährigen Braurechts der Stadt Dortmund vom Verband Dortmunder Bierbrauer ins Leben gerufen. Sie ermöglichen Forschungsaufenthalte ausländischer Wissenschaftler*innen an der TU Dortmund.
In den vergangenen 33 Jahren konnten aus Gambrinus-Mitteln mehr als 200 Gastwissenschaftler*innen in Dortmund begrüßt werden, was zu zahlreichen internationalen Kooperationen im Bereich der Forschung geführt hat. Höhepunkt der jährlichen Gambrinus-Aktivitäten bildet das „Gambrinus-Forum“, traditionell im Westfälischen Industrieklub. Hier wenden sich international renommierte Wissenschaftler*innen mit Vorträgen an eine breite, auch außeruniversitäre Öffentlichkeit.
30. Gambrinus-Forum im Westfälischen Industrieklub
Am 19. Oktober lud die TU Dortmund erneut Vertreter*innen der Stadtgesellschaft zu wissenschaftlichen Vorträgen in die Dortmunder Innenstadt ein. Beim 30. Gambrinus-Forum sprach Prof. Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum über Dimensionen und Folgen von Einsamkeit. Prof. Beate Herpertz-Dahlmann von der RWTH Aachen präsentierte Erkenntnisse über Entstehung und Verlauf von Magersucht. Bei der Veranstaltung wurden zudem die Internationalisierungspreise der TU Dortmund verliehen.
Prof. Manfred Bayer, Rektor der TU Dortmund, begrüßte zahlreiche Gäste aus Wissenschaft, Industrie und Stadtgesellschaft im Westfälischen Industrieklub. Er betonte die gesellschaftliche Relevanz der Vorträge und hob hervor, dass das Gambrinus-Forum den Dialog zwischen Wissenschaft und Stadtgesellschaft stärken solle. Zudem verwies er darauf, dass dieser Austausch, ebenso wie die Internationalisierung, wichtige Eckpunkte des Ruhr Innovation Lab seien, mit dem die TU Dortmund und die Ruhr-Universität Bochum ab dem kommenden Jahr als Exzellenzverbund gefördert werden.
Warum Einsamkeit uns alle betrifft
Einsamkeit ist ein Gefühl, das nahezu alle Menschen im Laufe ihres Lebens erleben. Die Psychologin Prof. Maike Luhmann beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit der Frage, wer davon betroffen ist, welche Folgen Einsamkeit hat und was dagegen getan werden kann. Anders als das Alleinsein oder soziale Isolation sei Einsamkeit ein subjektives und oftmals schmerzhaftes Gefühl. Dabei unterschied Luhmann zwischen emotionaler, sozialer und kollektiver Einsamkeit. Ob tatsächlich von einer „Einsamkeitsepidemie“ gesprochen werden kann, beantwortete die Psychologin differenziert: Zwar fühlen sich seit der Corona-Pandemie insbesondere junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren häufiger einsam, doch war Einsamkeit schon zuvor weit verbreitet. Als mögliche Auslöser nannte Luhmann einschneidende Lebensereignisse oder Diskriminierungserfahrungen. Hält Einsamkeit über längere Zeit an, kann eine sogenannte Einsamkeitsspirale entstehen, die häufig sowohl die psychische als auch die körperliche Gesundheit belastet. Auch wirtschaftliche Folgen, etwa durch Arbeitsausfälle, sind möglich. Um Einsamkeit entgegenzuwirken, sei es wichtig, die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren und Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Luhmann betonte daher, dass Einsamkeit keineswegs nur ein privates Problem, sondern auch eine politische und gesellschaftliche Aufgabe sei.
Prof. Maike Luhmann ist seit 2016 Professorin für Psychologische Methodenlehre an der Ruhr-Universität Bochum. Sie forscht insbesondere zu Einsamkeit, subjektivem Wohlbefinden und Persönlichkeitsentwicklung. Seit 2022 ist sie Mitglied im Beirat des Kompetenznetzes Einsamkeit und berät regelmäßig politische Institutionen auf nationaler und europäischer Ebene.
Wie Biologie und Kultur Magersucht beeinflussen
Prof. Beate Herpertz-Dahlmann sprach in ihrem Vortrag über die Einflüsse von Biologie und Kultur auf Anorexia nervosa. Sie zeigte auf, dass es in Bezug auf Magersucht in der Medizin lange Zeit Fehldeutungen und Unterstellungen gab, etwa, dass sich Betroffene bewusst weigerten, Nahrung aufzunehmen. Auch den Eltern wurde häufig eine Mitschuld an der Erkrankung ihrer Kinder gegeben. Ab 2013 wurden unter Mitarbeit von Herpertz-Dahlmann schließlich neue Klassifikationskriterien erarbeitet, die die Merkmale von Anorexia nervosa deutlich sachlicher und weniger willkürlich beschreiben. Denn die Medizin hat mittlerweile neue Erkenntnisse gewonnen: Genetik, Gehirn, Darmbiom und Metabolismus haben einen erheblichen Einfluss auf Entstehung und Verlauf der Erkrankung. Beispielsweise nimmt mit dem Gewichtsverlust auch das im Fettgewebe produzierte Hormon Leptin ab. Dieser geringere Leptingehalt führt evolutionsbedingt zu einem hohen Bewegungsdrang. Ein Verständnis für diesen Zusammenhang sei wichtig für die Behandlung, so die Expertin, denn lange Zeit seien Magersüchtige für exzessiven Sport bestraft worden. Ein großes Problem sieht die Medizinerin in der hohen Social Media-Nutzung von Jugendlichen, da der soziale Vergleich auf Online-Plattformen mit Essstörungssymptomen korreliere und der Algorithmus den Konsum schädlicher Inhalte noch verstärke. Eine als riskant eingestufte Nutzung von sozialen Medien sei heutzutage bei mehr als 20 Prozent der Jugendlichen zu beobachten. Inzwischen gibt es neue, von Herpertz-Dahlmann mitentwickelte Behandlungsansätze, die ganzheitlicher gedacht werden, in die häufig die Bezugspersonen miteinbezogen werden und die teilweise auch zu Hause statt stationär erfolgen.
Prof. Beate Herpertz-Dahlmann ist Seniorprofessorin an der RWTH Aachen. Die Oberärztin hat sich zum Thema „Essstörungen und Depression“ habilitiert und wurde 1997 nach Aachen berufen, wo sie die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und ‑psychotherapie neu gründete und bis 2023 als Direktorin leitete. Sie war zudem Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie sowie Mitglied im DFG-Kollegium „Neurowissenschaften“.
Internationalisierungspreise in vier Kategorien verliehen
Im Rahmen des Gambrinus-Forums wurden zum fünften Mal die mit je rund 1.500 Euro dotierten Internationalisierungspreise der TU Dortmund verliehen. Prof. Maximiliane Wilkesmann, Prorektorin Internationales und Diversität, würdigte damit besonderes internationales Engagement in den Bereichen Forschung, Lehre, Transfer und Verwaltung.

























